Billerbeck-Kellenhusen

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Dies war im August 1991 meine erste mehrtägige Radtour.

Sie fand 1991 nach einer Wette der 3 Protagonisten statt. Nach Aussagen wie: “Das glaube ich nicht, dass ihr das schafft.“ bis zu: „Wenn ihr das schafft, dann gebe ich euch einen aus.“ konnten wir gar nicht anders.

Es wurde also eine Tour geplant, die in Kellenhusen (Ostsee) enden sollte.  Als Fahrzeit haben wir ca. 1 Woche veranschlagt.

Da wir bis ins Münsterland nicht von Wuppertal aus fahren wollten (das Ruhrgebiet war damals noch …) verlegten wir den Start nach Billerbeck. Von da aus geht es relativ flach bis zur Ostsee. Man muss ja nicht direkt bei der ersten Tour mit den Steigungen übertreiben. Es blieben dann ca. 500 km in 6 Tagen übrig. Das sollte im Flachen zu schaffen sein.

Mein Fahrrad war damals ein dunkelblaues Castelli-Rennrad, welches mit einem Edelstahl (!) – Gepäckträger aufgerüstet wurde. Die verwendeten hellblauen no-name-Packtaschen waren damals beim Fahrradhändler gar nicht so billig. Es passte aber eigentlich alles rein. Und sie waren dicht! Keine Ahnung, was das damals gekostet und gewogen hat. Ich persönlich war auf jeden Fall körpertechnisch noch „leichter“.

Da wir damals mit einer Autokarte „navigiert“ hatten, gibt es natürlich auch keinen aufgezeichneten GPS-Track. Der Track oben auf der Seite entspricht nur meinen gut 27 Jahre alten Erinnerungen.

Die Texte wurden von allen Beteiligten zum damaligen Zeitpunkt für Gut befunden. Ob wir das ganze heute identisch zu Papier bringen würden, steht in den Sternen. Die Rechtschreibung wurde weitestgehend in den 2000er Jahren von mir angepasst.

Blieben noch die Bilder. Ja die Bilder. Diese wurden für diesen Bericht einzeln von Papierbildern abgescannt. Da die Qualität der Papierbilder dem Stand einer heutigen Low-Cost-Handy-Kamera entsprechen, sind die Scans auch nicht viel besser….

 

Damit man einige Textpassagen des Berichts besser versteht, noch ein paar Erläuterungen:

Es wurde vor der Tour von allen Beteiligten abgesprochen, dass wir auf der gesamten Tour keinen Alkohol / Bier vor 16:00 Uhr trinken wollten. Zitat: „Kein Bier vor 4“. Daraus folgte dann der bis heute klassischen Spruch: „x Stunden nach 4, Zeit für ein Bier!!“
Zusatz: Diese Regel wurde einstimmig von den Protagonisten mehrfach bewusst missachtet!

Des Weiteren kommt die Aussage „Ready for contact“ häufiger vor. Dies bezieht sich ausschließlich auf das sensible Hinterteil von Lothar, beim morgendlichen Absenken dieses auf das Fahrgestühl.

Aber jetzt ist es genug. Auf geht´s:

RADTOUR BILLERBECK – KELLENHUSEN

mit 3 Hauptdarstellern: Baldur Mankel, Lothar Scheibel und Rolf Weiner vom 05. bis 10. August 1991

Montag, 5. August 1991      Billerbeck – Bramsche

es ist 6: 20 Uhr

Mitten in der Nacht aufstehen, bin doch noch richtig müde. Und ich dachte ich hätte U r l a u b?!
Kurzes Frühstück.
Da kommt auch schon Baldur. Fahrrad auf das Auto und ab nach Barmen. Lothar muss ja noch abgeholt werden. Der wartet schon.
Mit dem Auto geht es nach Billerbeck.

In Billerbeck werden die Räder von den beiden Autos abgebaut und mit dem Gepäck aufrüsten. Dann fröhlicher Abschied von den Frauen.

Jetzt fehlt nur noch der „Schwur“: Einer für Alle, Alle für einen.

Auf geht´s.

Mütze auf, bzw. nicht (Rolf) und ab sausen die Räder, W h o w!
Nach 50 Metern “rasender Fahrt“ biegen wir nach links ab und prallen zurück …?

Ein B e r g, und was für einer! Wo wollen wir eigentlich hin? Zur Ostsee? Wirklich? Bis wann? Und überhaupt, warum? Ach ja, U r l a u b!

Ich fahre ja nur so mit, wegen der Radtour eben; frage mich allerdings jetzt auch nach dem Sinn.
O.K., ran, verlassen wir Billerbeck eben auf steilem Weg.

Nach weiteren sagenhaften 200 Metern, der erste Ausfall.
Lothar: “Halt, mein Tacho geht nicht!“ Aber das haben wir mit unserer Erfahrung schnell gerichtet.

Jetzt geht’s aber los. Über Berg und Tal (mehr Berg als Tal).

Altenberge – Greven – Ibbenbüren.

Unsere Räder wollen in Ibbenbüren (Teutoburger Wald) schlappmachen; uns zum Schieben bringen. Baldur ist zu faul zum Laufen, sein Rad (und er) quälen sich den Berg hinauf. Ich und Lothar schonen unsere Räder, wir schieben.

Oben angekommen stellt Baldur seinen Drahtesel zum Dank und zum Ausruhen ins Gras. Man gönnt sich ja sonst nichts. Er gönnt sich nur ein Bier. Nach kurzer Zeit kommen seine „Leidensgenossen“ mit ihren ausgeruhten Rädern den Berg hinauf.
Oben in Ibbenbüren angekommen ist die Luft zum Schneiden, diesig und schwefelhaltig. Der Schwefel legt sich richtig auf die Zunge.

Wir biegen sofort ab nach Mettingen.

Mittagessen!

Super endlich eine große Pause. Tut richtig gut. Noch schnell die Wasserflachen am Brunnen aufgefüllt und weiter geht’s.

Man fährt ruhig und gelassen den Nachmittag durch. Schaut nach links, schaut nach rechts, und auf einmal …
15:10 Uhr Ortsschild B r a m s c h e.
Lothar fällt vor Glückseligkeit oder auch vor Schreck fast aus dem Sattel.

Dann holen wir mal die Unterlagen heraus, die Manfred uns geschickt hat. Wir finden das Haus auf Anhieb und den Hausschlüssel im 2.Hieb.
Wohnung auf, Kühlschrank auf, Flaschen auf, Hälse auf, Zisscchhh!
Klamotten aus, duschen, trocknen, wohlfühlen, Kühlschrank auf, weiter … siehe eine Zeile weiter oben.
Super, die erste Etappe wäre geschafft.

Später gehen wir noch einkaufen, holen auch noch Dosenbier. Trinken in einer Eisdiele Kaffee und Weizenbier. Baldur sieht Andrea auf dem Fahrrad vorbeikommen und holt sie heran. Herzliche Begrüßung und wieder ab in unser Tagesquartier. Von dort aus werden dann unsere Familien telefonisch über den Tagesverlauf informiert.

Danach ging es dann zwecks Abendessen mit Andrea (haben sie natürlich eingeladen) zum „Griechen“. Speisen: Fleisch, Salat und Weintrauben (oder doch Oliven?)

Allgemeinzustand: Schlapp
Hintern: Sitzbereit
Beine: welche Beine?

Müde, aber zufrieden gehen wir zu Bett. Gute Nacht!

Dienstag, 6. August 1991      Bramsche – Jardinghausen

7: 00 Uhr wecken! Warum? Ach so ja!

Andrea bereitet uns ein hervorragendes Frühstück; auch wir hatten ja am Vortag etwas Wurst gekauft (Baldurs Rauchfleisch! Man gönnt sich ja sonst nichts!). Wir wollen den hauseigenen Kühlschrank ja nicht zu stark belasten.
Noch ein paar Happen für unterwegs eingepackt.

Küsschen Andrea; Alles Liebe; Gruß an die Eltern; Tschüüüß etc.

8:30 Uhr Abfahrt

Lothar: „Ready for contact ?!!“

Motto: Es gibt viel zu fahren, tretet schon mal rein. Die zweite Etappe ist schließlich die Längste und auch die Geradeste. Wir fahren vorbei an der schönen und reizvollen Natur und an tollen Plätzen und Häusern.

Wir radeln direkt in die Dammer Berge Große Steigungen bleiben uns allerdings erspart.

Legen ein 2. Frühstück am Dümmer See ein. Zeitung gekauft. Steht zu Hause noch alles? Ja. O.K.

Na, dann weiter.

Singen unterwegs das Lied von Lucky Luke: „It’s a long way and far away from home …“.
Wir singen aber nicht lange. In Diepholz bleibt Lothars Fahrrad nämlich auf einmal stehen. Es muss Kaffee und Kuchen gewittert haben.

Zwangspause.

Und weiter geht´s. Wieder raus aus Diepholz und rauf auf die längste Straße der Welt, die B 51. Wir könnten mit blockiertem Lenker stundenlang geradeaus fahren.

Endlich, kurz vor Twistringen etwas Abwechslung. Baldur reißt eine Speiche (schon wieder…)! Hat eine tolle „Acht“ im Hinterrad.
Ich leihe ihm meinen Speichenschlüssel, da er seinen so gut eingepackt hat, dass er ihn nicht mehr findet. Er kann das Rad so richten, so dass die Weiterfahrt nicht gefährdet ist.

Während des guten und reichhaltigen Mittagessen in Twistringen (Baldur: Fleisch und Bratkartoffeln, Rolf: Großer Salatteller, Lothar: Kalte Suppe), kann in der örtlichen Fahrradwerkstatt eine neue Speiche eingezogen werden.
Nach dem Essen und einem weiteren Bier, es war ja 2 Stunden vor 4, wurde das Fahrrad mit 25,- DM ausgelöst und wir fuhren weiter.

Ist auch nicht mehr weit; ca. l5 km Luftlinie.

Doch, oh Schreck, „Scout“ Mankel liest die Karte falsch! Dadurch biegen wir nicht richtig ab.
Jardinghausen entpuppt sich als ein Zusammenschluss mehrerer Höfe, die zum Teil weit auseinander liegen. Jetzt, nach einer Strecke von gut 100 Tages-Kilometern, fallen uns die letzten paar Kilometer besonders schwer.
Wo kommen plötzlich die ganzen Hügel her, und warum führen die ganzen Straßen darüber und nicht drumherum? Baldur fährt weit vor, um den Zorn seiner Anhänger zu entgehen.

Die Mannschaft verlangt von Baldur einen Traktor, egal woher, zur Weiterfahrt. Nach einem leisen: „wohl schlapp, was?“ seinerseits, entgeht er soeben der Lynchjustiz. Er lässt sich was anderes einfallen: „So, kommt Jungs, nur noch um diese Ecke, dann sind wir da. Da haben wir dann alles: Dusche, Wasser, Bier, Essen, Ruhe und Entspannung.“
Antwort: „Mankel, wenn du noch einmal Unrecht hast …“.

Also gut. Mannschaft sitzt auf. An der nächsten Kreuzung treffen wir einen Einheimischen und fragen nach dem Hof Pepperkorn. „Fahren Sie dort hinauf und dann…“. Baldur spürt unsere Blicke wie Pfeilspitzen in seinem Rücken. Wir fahren weiter und fragen noch einmal. Die Auskunft: „Das ist hier hinauf und dann am Wald dahinten fragen Sie am besten noch einmal.“

Sollten wir nicht gleich am Ziel sein. War wohl doch bloß Einbildung.

„Da vorne ist eine Gruppe, die fragen wir noch mal.“ Je näher wir kommen, erkennt Baldur, mit seinem „untrüglichen“ Instinkt, dass der Mann Pepperkorn heißt und die Kinder seine Feriengäste sind. Und, es stimmt! “Nur noch ein paar Meter geradeaus (ohne Berg), dann links und schon sind Sie da“.

Und da ist es auch. Endlich.

Absteigen, strecken, hinsetzen und erfrischen. Dann duschen, umziehen, fallen lassen, ausruhen und ganz genüsslich die nächste Erfrischung hineinlaufen lassen. Bloß nicht mehr bewegen.

Wir sind froh, dass wir hier sind. Nach dem Abendessen, im Kreise der erweiterten Fam. Pepperkorn, wohnen wir dem Familien-Blaskonzert bei, welches als sit-in auf der Tischtennisplatte stattfindet. Tochter: Saxophon; die beiden Gastkinder: Jagdhorn und Trompete.
Nach einem ruhigen Spätnachmittag, mit einem Waldspaziergang, und einem lauen Abend, mit einem Fläschchen Bier (? Stunden nach 4), krabbeln wir in unsere Betten. Die befinden sich in dem großen Fertighaus unter dem Dach; das Treppenhaus rechts am Wellensittig vorbei.

Ich träume von einem Fahrrad mit Hilfsmotor.

Kommentar März 2020:  Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dieser Traum irgendwann mal war wird.

Mittwoch, 7. August 1991      Jardinghausen – Tostedt

wecken, duschen, rasieren und anziehen! 7:30 Uhr Frühstück.

Kaffee, Brötchen, Brot, Wurst, Käse, Marmelade, Ei; alles da, Klasse.
Nach dem Frühstück bezahlen und verabschieden.

Aufsitzen (Lothar: Ready for contact!?) und ab geht die Fahrt.

In Verden an der Aller machen wir unsere Frühstückspause. Wir kaufen uns an der Reeperbahn Wurst, Brötchen, Milch, Wasser und Bier (Mankel:  Es sind ja nur noch 6 Stunden bis 4!) und verspeisen das Ganze auf einer Bank an der Aller.

Nach dem erneuten Aufsitzen erklingt aus Lothars Mund: „It’s a long way and far away from home.“

Weiter geht es über Rotenburg (Wümme) mit seiner wunderschönen Fußgängerzone.

Doch die entging uns, da wir dem Radweg außenherum gefolgt sind. Baldur radelt durch die Fußgängerzone. Hinter der Stadt treffen wir uns wieder und treten gemeinsam die Weiterfahrt über Scheeßel nach Todtglüsing bei Tostedt an.

Wir erreichen den „duschenlosen“ Gasthof nach 94, laut Lothar schnurgeraden, Kilometern.

Erst waschen wir uns, dann der „Scout“ (Baldur) die Trikots. Aber wohin hängen, es ist ja kein Bad vorhanden. Doch da ist ja ein leerer Schrank. Handtücher werden untergelegt, die Trikots in den Schrank gehängt. Das Tropfwasser kann nach unten, das Dunstwasserkann durch die offene Schranktür nach draußen; die Weiner-Mankel-Trockenkammer ist erfunden.

Nach einem erfrischenden Bier, es war ja schon 4, gehen wir etwas spazieren und finden ein schönes Plätzchen zum Hinsetzen und Ausruhen.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen unsere Frauen anzurufen (wie sich später herausstellte sprachen diese miteinander), gehen wir zum Jugoslawen Abendessen.

Sonderangebot Rumpsteak, Baldur kann nicht wiederstehen. Doch dann, der Bissen bleibt ihm im Halse stecken. Schmeckt so säuerlich wie Winterfutter auf dem Bauernhof riecht. Ein junger Gast, nach seiner Aussage von Beruf Koch, reklamiert ebenfalls. Das Essen geht zurück, nachdem Lothar bei ihm gerochen hat und würgt.
Die Bedienung kommt jetzt mit einem rohen Rumpsteak und fuchtelt uns damit unter der Nase herum, zwecks Geruchsprobe. Lothar dreht sich fast der Magen um. Trotz alle dem, das Steak geht zurück und Baldur isst einen Grillteller. Doch der Appetit ist ihm vergangen.
Mitschuld trägt auch ein Gast an der Theke, dem die Wirtin unvorsichtigerweise eine Fliegenklatsche gegeben hat. Beim Braten des Steaks sind wohl alle Fliegen vor ihm in die Küche geflüchtet. Die paar im Gastraum verbliebenen wurden nacheinander von dem Mann mit der „Klatsche“ umgebracht. Jeder Sieg über eine Fliege wird lautstark gefeiert und die Leichen gemeinsam zu Grabe getragen („Tu die mal weg hier und bring mir noch ein Bier!“). Baldur lässt sich seinen Grillteller einpacken und nimmt ihn mit.

Nach einem kleinen Spaziergang setzen wir uns (Baldur und ich) noch etwas hinter unser Quartier (heute Ruhetag) und trinken, es ist ja schon lange nach 4, Flachenbier aus dem Hausautomaten.
Lothar ist müde und legt sich sofort ins Bett.

Wir lernen noch den Sohn des Hauses kennen. Der ist morgens mal eben zur Ostsee gefahren (ca.200 km) und kam gerade mit einem Freund mit dem Auto zurück. Das Rad war auch etwas besser als unsere Drahtesel; Alurahmen, Schaltelemente in den Bremshebeln, Hyper-Glide-Ritzel usw. Das Rad wurde auch nicht so einfach in die Ecke, sondern auf einen speziellen Ständer, gestellt. Klasse.

So. Jetzt aber gute Nacht und ab ins Bett.

Donnerstag, 8. August 1991      Tostedt -Lauenburg

7:00 Uhr – piep, piep … Uahhhh!! Guten Morgen. Na gut.

Aufstehen, Zähneputzen, waschen, anziehen. Die Trikots sind natürlich trocken, schrankfrisch; die Handtücher umso nasser. Die Sachen werden zusammengepackt und runter gehts zum Frühstück.
In aller Ruhe frühstücken, danach zahlen und danach noch in den Druckausgleichsraum.

Dann um 8:30 Uhr Abfahrt.

Lothar: “Ready for contact, Aaaahhh…!“

Auf nach Lauenburg. Wir haben, trotz der letzten drei Tage, keine Probleme mit den Beinen und dem Allerwertesten. Erstaunlich.

Lothar schaut zum Himmel: „Wenn es bloß nicht regnet.“ Baldur und mir stockt der Atem. Er hat das magische Wort, welches Radfahrer nicht aussprechen, einfach ohne nachzudenken dahingesagt. Doppelter Protest unsererseits: “Wenn du noch einmal dieses Wort in den Mund nimmst, bezahlst du das nächste Essen und die Getränke.“

Doch zu spät. In Winsen an der Luhe ist es soweit. Wir können uns gerade noch unter einen Durchgang an einer Kirche retten, und da passiert es. Der Himmel öffnet seine Schleusen; es regnet. Der Alptraum des Radfahrers wird Wirklichkeit. R e g e n!

Dabei kühlt es auch noch mächtig ab. Es ist l2:00 Uhr Mittag; high noon. Na gut; also essen wir was.
Baldur hat ja noch den Grillteller vom Vorabend. wir holen uns etwas anderes, der Lebensmittelladen ist ja auch direkt um die Ecke.

Baldur: “Bringt mir bitte ein Fläschchen Rum mit, mir ist kalt.“

Er reagiere sich inzwischen mit dem Grillteller und einer Dose Bier (es sind ja nur noch 4 Stunden bis 4) ab. wir kommen wieder. Mit Fleischwurst, Brötchen, Schokolade, Kakao … und einem 0,1-Liter-Fläschchen Klaren 38%. Baldur verschlägt’s die Sprache. Er fühlt sich verschaukelt. Mit den Worten: „Alles muss man selbst machen“ geht er los, um sich die „Wärmflasche“ zu kaufen. Er wird auch fündig. Pott, 0,35 Liter, 40%. Zu seiner Mannschaft: „Meine Herren, seht her, das ist ein Fläschchen Rum“. Daraufhin unser Gemurmel: „Trinker; der ist auch mit nichts zufrieden; man gönnt sich ja sonst nichts; und ähnlichem“.
Nach dem gemütlichen Essen und Trinken im Stehen, es regnet immer noch, muss die Entscheidung fallen: Fahren wir jetzt weiter oder später? Das ist hier die Frage. wir entscheiden uns zur sofortigen Weiterfahrt.

Lothar zieht seinen Regenanzug an; er sieht jetzt aus wie ein Raumfahrer. Baldur und ich ziehen nur unsere Trainingsjacken an. Es ist jetzt auch nicht mehr so kalt. Baldur wickelt seine Packtaschen in Plastik ein.

Lothars Taschen sind wasserdicht. Ich habe in den Packtaschen alles in Plastiktüten. Da es mir ständig ins Gesicht regnet setze ich meine Kappe auf. Aufsitzen und losfahren. Mit den Worten: „Wir ignorieren den Regen einfach“ treten wir in die Pedale. In kurzer Zeit sind Baldur und ich ziemlich nass; von außen.
Lothar geht es nicht viel besser, er wird auch nass; aber von innen. Der Regenanzug ist nicht nur nach außen dicht, sondern auch nach innen. Lothar schwimmt im eigenen Saft. Der kleine Unterschied: Regen riecht nicht so streng.

Nun, ja. Es sind insgesamt auch „nur“ 3 Stunden Regenfahrt während einer 6-Tage-Tour. Das ist ja nicht ganz so schlimm.

Da ist auch schon die Elbe, und da die Brücke über die Elbe, und da, auf der anderen Seite, Lauenburg. Eine tolle, alte Stadt. wir fahren über ganz alte Straßen. wenn diese Steine erzählen könnten würde dieser Reisebericht wohl doppelt so lang werden. So alt ist hier alles.

Wir fragen an einem Zeitungskiosk nach dem Weg zu unserer Unterkunft, bei Frau Anna Hübbenecker. Die Antwort war eigentlich klar. „Das ist in der Oberstadt. Da müssen sie da vorne links und dann die Straße hinauf! Logisch, warum auch nicht. Wir hatten sooo lange keine Steigung mehr. Diese hier hatte es aber in sich. Am Fahrrad den Rettungsring aufgelegt und gemütlich im Schritttempo den Berg hinauf. Lothar und ich steigen auf halben Berg ab. Na ja, wir wandern eben gern.

Oben angekommen, befinden wir uns in einer ganz anderen Welt. Kaum noch alte Häuser, reges Geschäftstreiben und Autos, wohin man blickt. Die Hälfte von ihnen sind Trabanten; keine Monde oder Sterne, nein, Trabbis. Diese Gehhilfe aus den neuen Bundesländern. Lauenburg ist halt eine ehemalige Grenzstadt.

Durch dieses Gewühl fahren wir zu unserer Unterkunft. wir müssen fast wieder aus der Stadt heraus, Richtung Ahrensburg. Dort wo die Häuser aufhören müssen wir rechts, dann das letzte Haus auf der rechten Seite. Neubau, zwei Etagen, Souterrain, Garten dahinter, also so ein richtig schönes Einfamilienhaus mit Garage, Hobbykeller, Toilette, Waschküche.

Frau Hübbenecker zeigt uns unsere Unterkunft. Ein Zimmer im Keller mit drei Betten, Höhe ca. l,90 Meter. Lothar: „Mit Sicherheit als Fremdenzimmer nicht genehmigt.“ Außerdem ist das Zimmer ohne Dusche, und das nach dieser Regenfahrt. Hauptsache wir sind da. Ansonsten ist alles sauber und nett. Genügend Platz ist auch vorhanden. wir waschen uns und ziehen uns um.

Da das Wetter wieder etwas besser geworden ist (morgen soll es sogar, nach Wettervorhersage, wieder schön werden), beschließen wir noch einmal ins Städtchen zu gehen. Ganz schöner Trampel bis dahin, ca. 3 km. Aber es lohnt sich.

Auf dem Weg zur Altstadt kommen wir an einem alten Uhrenturm vorbei. Das heißt, doch nicht vorbei, denn wir müssen einfach in sein Inneres sehen. Im unteren Teil ist die ganze Mechanik untergebracht. Von dort gehen Gestänge und Selle hinauf zur Uhr. Eine Wahnsinnsmechanik. In den Nebengebäuden sind kommunale Einrichtungen untergebracht. Verkehrsverein, Rathaus usw.; alles wie in einem Schloss.
So kann man arbeiten.

Von hier oben haben wir eine hervorragende Aussicht auf den Elbe-Lübeck-Kanal, eine große Werft, in der es jetzt ruhig ist und auf die Altstadt (Unterstadt), zu der wir jetzt hinabgehen, um unseren Körpern Nahrung zuzuführen. Wir hätten es auch beinahe geschafft, wenn Lothar nicht eine offene Tür gesehen hätte, über der das Wort CAFE steht.

Also hinein. Lothar und ich nehmen Kaffee und Kuchen, Baldur nimmt ein Bier; logisch, es war ja schon nach 4.
Danach gehen wir doch noch in die Unterstadt. Uns erwarten alte Häuser und Plätze, die nach dem vergangenen Jahrhundert duften.
Die Lokale liegen alle auf der Elbseite, direkt am Wasser, damit man den Weg zur großen, weiten Welt vor Augen hat. Es wurde früher wohl auch viel gefischt hier.

Wir finden ein gemütliches und gutes Lokal und essen gut und reichlich den ganzen Abend lang. Der Flüssigkeitshaushalt, nach 4, muss natürlich auch noch reguliert werden. Dann wandern wir wieder hinauf in die Oberstadt, Richtung Unterkunft.

Vor dem Zubettgehen kümmern wir uns noch um Baldurs Wärmflasche, Marke Pott.

Nun ja. Heute war es nicht immer warm.

Prost und gute Nacht.

Freitag, 9. August 1991      Lauenburg – Lübeck

6:00 Uhr !!

Ich werde aus dem Schlaf gerissen. Ich habe wohl von einem großen Wald geträumt, in dem Bäume gefällt werden. Aus Angst vor umfallenden Bäumen, habe ich einfach die Säge (Baldur) abgestellt; sprich der Säge eine leicht gescheuert. Nach einem gemurmelten „Entschuldigung“ beiderseits, versucht jeder wieder Anschluss an seinen Traum zu bekommen. Doch nichts geht mehr.
Bis ca. 7:00 Uhr dämmere ich lm Halbschlaf dahin, bis es endlich zum Wecken bläst bzw. piepst.

7:00 Uhr.

Aufstehen, waschen und hoch zum Frühstück.

Frau Hübbenecker hat uns auf dem Esstisch in der Wohnzlmmernische gedeckt. Feinstes Porzellan, frische Brötchen, Eier im Eierwärmer, Käse, Wurst, Marmelade. Herz was willst du mehr. Ein Blick durch die Fensterfront lässt Lothars Augen glänzen. „Das ist es!“ Er hat recht.
Hinter dem Fenster ein riesiger Garten; Rosen, Obstbäume, und alles vom Feinsten und gepflegt. Die Sonne strahlt durch die Fenster, als wenn sie Geld dafür bekäme. Super.

Nach dem Frühstück bezahlen, fertigmachen, verabschieden und los geht’s.

Lothar: „Ready for contact“! wir fahren noch einmal ins Zentrum von Lauenburg, um einzukaufen und um noch ein paar Fotos von uns und der Elbe zu machen. Dann geht’s weiter Richtung Lübeck.

Wir lesen auf dem Wegweiser 62 Kilometer. Das ist ja nicht so viel. Und damit die Fahrt nicht so eintönig wird, meldet sich wieder mal Baldurs Drahtesel, er quietscht bei jeder Pedalumdrehung. „Da ist doch was lose“ sagt er.
Kurze Prüfung, kein Befund. Trotzdem. Bei jeder Umdrehung spürt er eine leere Stelle und ich höre das Quietschen.

Na ja, lassen wir es lauter werden, dann werden wir es schon finden. In Mölln fahren wir an eine Tankstelle. Die Pedale und das Tretlager werden angezogen. Wir fahren weiter, aber es quietscht auch weiter. Am Ratzeburger See machen wir dann Pause.

Es war 3 Stunden vor 4, also … Bevor wir weiterfahren gibt mir Baldur sein Rad, zwecks einer Testfahrt.
Ich kann auch nichts Genaues feststellen. Na gut, fahren wir weiter.

Hallo, da ist ja schon Lübeck.

Nach einer kleinen unfreiwilligen „Stadtrundfahrt“ frage ich nach dem Weg und korrigiere Baldurs untrüglichen Instinkt, was die Fahrtrichtung betrifft. Ich habe damit sein „Scout-Ego“ ganz empfindlich verletzt.
Doch dadurch finden wir das Holstentor und damit die Straße zu unserer Unterkunft. Es geht trotzdem noch ca. 4-5 Kilometer aus dem Stadtkern heraus (auf der Karte sieht das alles so schön nah aus), bis wir das Haus erreichen.

An der Tür ein Schild: „Ich bin im Haus Nr.22 zu erreichen“! Baldur fährt dort hin und meldet uns an. Frau Scharnweber kommt mit Baldur zurück zum Gästehaus und bekommen die Schlüssel für die Zimmer. Duschen sind vorhanden, aber die Zimmer. Ich glaube die Möbel sind alle vom Sperrmüll. Gelsenkirchener Barock; alles sehr dubios.
Lothar und Baldur packen ihre Räder in den Hof, schließen sie gut ab, und packen sie in Plastik ein. Es sieht nämlich wieder nach dem aus, was wir nicht aussprechen dürfen und wollen. Ich wette, Lothar denkt schamlos an dieses Wort, er schaut so nach oben und hat so einen komischen Gesichtsausdruck.
Ich nehme mein Rad mit aufs Zimmer, damit es nicht friert und es gut hat, denn die Gegend hier ist wirklich nicht sehr einladend.
Baldur und Lothar lassen ihre Räder auch nur wiederwillig draußen stehen. Es wird schon gut gehen.

Nach dem Duschen und Umziehen entern wir einen Linienbus und fahren zum Holstentor. Weiter geht es durch die Fußgängerzone zum Rathaus. Und weiter über den Marktplatz, auf dem ein Pflastermaler das Bild „Der blaue Fuchs“ gezeichnet hat. Im Original von Franz Marc.

Wir halten Ausschau nach einem Lokal, denn der Magen meldet sich schon wieder. Wir finden ein griechisches Gasthaus, das einen sauberen und guten Eindruck macht. Wir haben gewählt und bestellen. Na was? Kurz nach 4? Richtig, ein Bier. Auch das Essen ist üppig und gut.

Frisch gestärkt machen wir noch einen Bummel durch die Altstadt und an der Havel entlang.

Das Wetter ist wieder warm. Die Lokale haben alle Tische und Stühle draußen. Man kann dort gut sitzen und trinken. wie spät war es doch gleich? Weizenbier, Alsterwasser, Alt und Pils, alles schmeckt hervorragend.

Ein Junge (Robert heißt er), 5-7 Jahre alt, kommt aus dem Lokal, es war ihm wohl zu warm oder langweilig geworden. Er bleibt vor Baldur stehen und sagt: „Du bist aber dick“!
Schallendes Gelächter von uns. Baldur versucht dem Jungen zu erklären, dass die anderen nur zu faul zum Essen sind, aber das ist ihm egal. Auch, dass Lothar raucht findet er störend. Ein helles Kerlchen, das einfach sagt, was es denkt. Es entwickelt sich ein richtiges Gespräch, in dem einiges zu Tage kommt. Zum Beispiel, dass er eine neue Uhr hat, mit einer ganz anderen Zeit. Die „Kelscher(?)“ Zeit. Aha. Und, dass der Papa zwei Autos hat, einen Diesel und einen Benziner. Der Diesel sei lahm, der Benziner sei viel schneller. Und, dass er gern noch ein Brüderchen oder Schwesterchen hätte. Das geht aber nicht, da seine Mama turnen geht und deshalb keine Kinder bekommen kann.
Nach einer weiteren halben Stunde könnten wir uns der Familie als Wahrsager vorstellen, so viel wissen wir über sie.

Als dann die Familie mit Robert wegfährt kehrt wieder Ruhe ein. Es wird langsam dunkel. Wir zahlen und spazieren an der Havel entlang zur Bushaltestelle. An unserer Unterkunft angekommen stellt Lothar fest: “Ganz schön duster hier. Sieht ja aus wie eine miese Massenunterkunft“! was soll’s.

Rein ins Bett und gute Nacht.

Samstag, 10. August 1991      Lübeck – Kellenhusen

7:00 Uhr

Wecken, wie üblich, nur sanfter als gestern. Aufstehen, fertigmachen, Frühstück. Also, über das Frühstück können wir uns auf der ganzen Fahrt nicht beklagen, auch heute nicht. Prima.

Nach dem Frühstück heißt es Räder auspacken, aufrüsten und los.

Baldurs Rad quietscht schon wieder. Absteigen und nochmal nachschauen. Jetzt erst stellt er fest, dass die rechte Tretkurbel locker ist. Wieso hat er das nicht schon gestern gefunden? Na ja. An der nächsten Werkstatt leihen wir eine Knarre, damit er die Kurbel festziehen kann.

Endlich kann er wieder unbesorgt fahren. Geräusch beseitigt, Tretlücke nicht mehr vorhanden. Alles klar. Jetzt aber los.

Wir riechen schon die Ostsee. In Ratekau biegen wir ab, Richtung Ostsee, Timmendorfer Strand.

In Niendorf haben wir dann ersten Kontakt zur Ostsee. Herrliche Luft, jetzt ist es nicht mehr weit. Entlang dem Timmendorfer Strand nach Scharbeutz. Dort verfahre ich mich auch noch kurzzeitig. Ich wollte den Radweg benutzen, übersah aber das Sackgassenschild. Nach kurzer Zeit sind wir aber wieder vereint.

Haffkrug – Sirksdorf mit dem Hansapark – Neustadt.

Auf einmal meldet sich wieder der Durst. Es ist aber auch sehr warm. Vor Grömitz befindet sich der übliche 4-Kilometer-Stau. Es ist ein tolles Gefühl, auf dem Standstreifen so an der Autoschlange vorbeizusausen.

Wir fahren in Grömitz sofort hinunter zum Strand.
Auf der Strandpromenade schieben wir unsere Räder. Es sind ja doch viele Leute unterwegs.

Der Durst hat nicht nachgelassen, also suchen wir ein Lokal. Man soll es kaum glauben, wir finden auch eins. Als wir unsere Räder hinter den Tisch schieben wollen, kommt die Bedienung herangewetzt.
Barsch meint sie: „Hier dürfen sie ihre Räder nicht abstellen, das ist versicherungstechnisch nicht erlaubt“!
Wir verlassen aus versicherungstechnischen Gründen, mit unseren nicht erlaubten Rädern, sofort das Lokal. Sollen sich doch andere mit der „netten und höflichen“ Bedienung herumärgern. Leider sind genug andere da.

Da es jetzt nur noch ein paar Kilometer bis zur Schleusenkate sind, fahren wir trotz unseres Riesendurstes noch bis zur Kate. Hier ist der vorletzte Haltepunkt auf unserer Fahrt.

Auf Lothars Tourenkarte steht geschrieben:
Schleusen-Kate = 2 Alt (Passend zum Gesicht). Baldur erzählt dem Wirt wo wir herkommen und vor allem womit. Wir werden von ihm und seiner Frau beglückwünscht und zu einem Schnaps eingeladen. Wir bestellen die Getränke und setzen uns in den Gastgarten.

Jetzt fehlen nur noch ein paar Kilometer, deshalb genießen wir unser Bier. Es wird auch Schmalz und Brot zum Bier gereicht. Es schmeckt hervorragend. So gut, dass wir einem Gast am Nebentisch sein Brot abschwatzen wollen. Es klappt tatsächlich.
Noch einmal stärken wir uns alle an Brot und Schmalz.

Übrigens, wieviel nach 4; Bedienung, noch ein Bier. Dann wollen wir bezahlen.

Doch in diesem Augenblick biegt ein beigefarbener Opel-Kadett mit Wuppertaler Kennzeichen auf den Parkplatz. Hallo, Baldurs Frau Petra, die Kinder und seine Schwiegermutter. Herzliche Begrüßung.

Stolz zeigt Baldur seinen Tacho, er zeigt 501 km, Schnitt 20 km/Std. „Toll, sagen alle“, jetzt nur noch nach Kellenhusen. Abschied von der Familie: „Bis gleich, wir treffen uns am Fischer“!

Nach dem Zahlen fahren wir dann auch. Diesmal über den Deich.

Als wir dann am Fischer ankommen, trifft seine Familie auch gerade ein. Petra macht noch ein paar Fotos von uns allen.

Jetzt sind wir am Ende der Fahrt angekommen. Es ist vorbei. Schade.

Es war schon toll, mit all seinen Schwierigkeiten, Reparaturen (ausschließlich Baldur) und all seinen kleinen zähen Steigungen.

Wir reichen uns die Hände und freuen uns. Später bekommen wir noch, von Baldurs Kindern, Urkunden, die uns an diese Fahrt erinnern sollen. Fest steht, dass dies nicht die letzte Fahrt dieser Art ist. Es wird die Nächste kommen.

Zu schön und spannend war diese Tour.

514 Kilometer von Billerbeck/ Münsterland nach Kellenhusen / Ostsee.